Vom Nebenprojekt zum Hauptprojekt

Als es noch Nebenprojekt war…

Ein Nebenprojekt, an dem ich längere Zeit gearbeitet hatte, wurde zu Beginn dieses Jahres zum Hauptprojekt. Wie es dazu kam: Im letzten Jahr habe ich einen Langzeitauftrag zur Migration von Legacy-Java-Backends und Java-Anwendungen für einen der größten Finanzdienstleister Deutschlands beendet. Im Wesentlichen habe ich dabei zwei Java-Backend-Monolithen in die Cloud (zunächst On-Prem und später Azure) migriert, indem ich die Funktionalitäten analysierte, in einzelne Java-Spring-Boot-Microservices extrahierte und diese dann containerisierte (Docker-Container). Zu Beginn haben wir CI/CD-Pipelines mit Jenkins umgesetzt, später mit GitHub Actions – nachdem sämtliche Repositories des Unternehmens vom selbst gehosteten Bitbucket nach GitHub umgezogen worden waren. Am Ende sollte alles in der Microsoft-Cloud landen, und das tat es dann auch. Ich muss nicht näher erwähnen, dass dabei so ziemlich jeder gute Rat in den Wind geschlagen wurde. In den Wind geschlagen mit genau zwei Begründungen:

  1. Compliance Das Unternehmen war einige Zeit zuvor gehackt und erpresst worden. Man munkelt, dass erhebliches Lösegeld gezahlt wurde. Zukünftig sollte schlicht jemand anderes schuld sein, falls es wieder passieren sollte.

  2. Zur Kostenreduktion Man wollte sich die Kosten für das eigene redundante Rechenzentrum sparen (Unsummen!). Die Microsoft Cloud (Azure) war am Ende die günstigste Cloud-Lösung.

Das war an und für sich ein tolles Projekt. Der Kunde machte es sowohl externen als auch internen Mitarbeitern sehr angenehm, vor Ort zu arbeiten, und bot gleichzeitig vernünftige Home-Office-Lösungen an. In der Zentrale in Frankfurt gab es ein „Bistro“ – in Wahrheit ein Restaurant für die Mitarbeiter –, das für interne wie externe gleichermaßen subventioniert wurde und entsprechend günstig war. Es gab sogar eine eigene Eisdiele mit extrem gutem Eis (das war allerdings für niemanden subventioniert). Auch die Arbeitsplätze waren durchgängig hochwertig ausgestattet. Es wurden vernünftige Arbeitsgeräte (Lenovo-Notebooks der T-Serie) zur Verfügung gestellt. Wie alles ging auch das irgendwann zu Ende. Zum einen, weil die Migration im Wesentlichen abgeschlossen war, und zum anderen, weil man im Unternehmen wieder zu alten Arbeitsstandards zurückkehren wollte. Euphemistisch nannte man das „New Work“ – was einer gewissen Ironie nicht entbehrte. In Wahrheit war es eine Rückabwicklung hoher Standards. Home-Office wurde weitgehend gestrichen und die Arbeitsplätze sollten durch Großraumbüros ersetzt werden. Schon vorher waren die bereitgestellten Arbeitsgeräte immer schlechter geworden. Die Eisdiele wurde geschlossen, um den frei gewordenen Platz wie beschriebene zu nutzen. Am Ende haben wir die Beauftragung auslaufen lassen und nicht verlängert. Ich hatte „mein“ Projekt beendet und der Kunde konnte sich seinen weiteren Projekten so zuwenden, wie er sich das vorstellte. Was das für weitere Projekte waren, dazu vielleicht in einem späteren Blogbeitrag mehr. Durchaus interessant, aber zum Scheitern verurteilt.

… und zum Hauptprojekt wurde

Bis dahin bin ich regelmäßig mit dem ICE nach Frankfurt gependelt. Zumindest im Winter, im Sommer habe ich das Motorrad bevorzugt. Es gab zwar gute Home-Office-Regelungen, ganz ohne Vor-Ort-Arbeit ging es jedoch nicht. Das war eines der Dinge, die mir schon länger übel aufgestoßen waren. Frankfurt war schon immer eine Kloake, die sich aber in den letzten Jahren immer weiter verschlimmert hat. Kaum jemand, der dort arbeitet, hat nicht schon miterlebt, wie jemand abgestochen wurde, oder kennt zumindest jemanden, dem es so ergangen ist. Mittlerweile ist es so gravierend geworden, dass ansässige Firmen ihren Mitarbeitern Karten mit markierten Wegen zum Arbeitsplatz zur Verfügung stellen, um Raubüberfälle oder Schlimmeres zu vermeiden. Das wollte ich nicht mehr länger auf mich nehmen. Schon deswegen wollte ich ein Nebenprojekt starten mit dem Ziel, irgendwann das Hauptprojekt daraus zu machen. Das Nebenprojekt ergab sich aus der Notwendigkeit des Hauptprojekts. Für meinen Berufsstand als freiberuflicher Berater gibt es keine vernünftige ERP- und CRM-Software. Die Nische ist zu klein und die Kosten, die man zur Entwicklung stemmen muss, sind zu hoch, als dass ein freier Berater bereit wäre, diese über die Softwarekosten zu finanzieren. Am Ende stellt man in der Regel eine Rechnung pro Monat – und das kann man auch locker mit jedem Textverarbeitungsprogramm erledigen. Rechnungsnummern etc. kann man ja einfach selbst hochzählen. Parallel dazu wollten meine bessere Hälfte und ich Ferienwohnungen vermieten und stellten das gleiche Problem fest: keine vernünftige Software, die den Use-Case brauchbar abbildet. Wir schauten uns um und brachten in Erfahrung, wie andere es machen. Richtig – mit Textverarbeitungsprogramm und alles manuell. Ferienwohnungen werden in der Regel von Privatpersonen betrieben. Niemand will dort große Summen für Software bezahlen oder gar Infrastruktur aufbauen. Es gab also etwas, das die Welt noch nicht so richtig hat, aber vielleicht brauchen kann: Nischenlösungen zum Nischenpreis. Und genau die entwickle ich jetzt. Im nächsten Blogbeitrag erzähle ich euch, wie!


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