Wir haben Orwell überholt

Orwell hat sich eine Diktatur ausgedacht, die Bildschirme aufhängt. Wir hängen sie uns selbst auf. Mit zwei Jahren Vertrag. Über Sperrmüll, ID Austria, das Wort “freiwillig” – und warum wir Orwell unterboten haben. 👇
Wir haben Orwell überholt

Ich hatte “1984” lange vor mir hergeschoben. Diese Klassiker, die jeder kennt, ohne sie gelesen zu haben – “Big Brother is watching you” – da denkt man irgendwann: weiß ich schon, kann ich mir sparen. Konnte ich nicht. Seit ich das Buch zugeklappt habe, schaue ich anders auf mein Handy.

Das Ding, das Orwell nicht kannte

In Orwells Welt hängt in jeder Wohnung ein Bildschirm. Der “Teleschirm” sendet und hört zu. Man weiß nie, wann jemand mithört, also verhält man sich immer so, als hörte jemand mit. Auch nachts. Auch im Schlaf. Beim Lesen habe ich auf das schwarze Rechteck neben mir geschaut. Mikrofon. Kamera. Bewegungssensor. GPS. Mein Handy weiß, wo ich sitze, wie lange ich nicht aufgestanden bin, mit wem ich zuletzt geschrieben habe, was ich gegoogelt habe – und dank meiner Tippgeschwindigkeit auch, in welcher Stimmung ich gerade bin. Niemand hat mich gezwungen, das Ding mit ins Bett zu nehmen. Ich hab es selbst gekauft. Mit zwei Jahren Vertrag. Und dem festen Vorsatz, das nächste Modell wieder zu kaufen.

Orwell musste sich eine Diktatur ausdenken, die Bildschirme aufhängt. Wir hängen sie uns selbst auf. Wir laden sie nachts neben dem Kopfkissen. Und wären beleidigt, wenn man sie uns wegnehmen würde.

Sorry, Orwell. Du warst zu zaghaft.

Wer ist normal, wer ist auffällig In “1984” gibt es einen Begriff, der hängenbleibt: “Gedankenverbrechen”. Es geht nicht darum, was du tust. Es geht darum, was du denkst. Wer falsch denkt, ist gefährlich. Nicht, weil er jemandem schadet. Weil er die Einheit stört.

Heute heißt das nicht mehr Gedankenverbrechen. Heute heißt das: bedenklich, schwurblerisch, einschlägig, Querdenker, auffällig geworden. Die Wörter wechseln, das Muster bleibt. Es gibt Themen, bei denen man eine bestimmte Meinung haben darf. Und es gibt Themen, bei denen eine andere Meinung dich umgehend in eine Schublade legt, deren Beschriftung jeder kennt.

Der schnellste Mechanismus dafür hat sich in einen einzigen Satz verdichtet, den inzwischen jeder kennt: Wer anders denkt als ich, ist rechts. Damit ist alles erledigt. Kein Argument mehr nötig, keine Frage mehr zulässig, kein Gespräch mehr möglich. Ein Wort, eine Schublade, Klappe zu. Es spielt keine Rolle mehr, was du gesagt hast. Es spielt nur noch eine Rolle, in welchem Lager du ab jetzt geführt wirst.

Du hast nicht widersprochen – du bist auffällig geworden. Das ist ein Unterschied. Das ist der ganze Unterschied. Ozeanien ist das nicht. In Ozeanien holen sie dich nachts ab. Hier holt dich niemand ab. Hier wirst du nur sortiert. Leise, freundlich, mit Algorithmus.

Das Wort, das alles verschleiert “Freiwillig.” Auf dieses Wort kann man inzwischen kaum noch hereinfallen, und trotzdem fallen wir alle laufend darauf herein. Freiwillig ist die App, die man braucht, um seinen Sperrmüll wegzubringen. Freiwillig ist die digitale Identität, mit der man Stundenplan und Fehlstunden seines Kindes einsieht. Freiwillig ist der zweite Faktor, der dich dort, wo es ihn ausnahmsweise noch ohne ID gibt, mit so viel Login-Reibung empfängt, dass du irgendwann doch klickst. Nicht aus Überzeugung. Aus Erschöpfung. Es gibt immer den anderen Weg, ja. Den papiernen, den persönlichen, den umständlichen. Der Schalter ist offen, nur eben dienstags zwei Stunden, mit Termin, drei Wochen Vorlaufzeit. Der Brief geht auch, kostet aber doppelt. Die Karte gibt es auch, für 25 Euro Jahresgebühr. Wer nicht zahlt und nicht klickt, zahlt mit Zeit. Wer keine Zeit hat, zahlt mit Nerven. Wer keine Nerven mehr hat, klickt.

Das ist kein Bug. Das ist das Verfahren. Die Geschichte, die uns verkauft wird Die Werbebroschüre kennt jeder. Bequemer. Schneller. Moderner. Keine langen Wartezeiten am Amt. Reisepass vom Sofa, Wohnsitz in drei Klicks, Strafregisterauszug direkt in der Wallet. Wer will da nein sagen? Ich auch nicht. Ich habe schon oft am Schalter gestanden und gedacht: könnte man auch online erledigen.

Genau dort beginnt die Geschichte. Denn jeder Vorteil hat eine Rückseite, über die im Werbevideo komischerweise nichts steht. Wenn der digitale Weg der einfache wird, wird der analoge automatisch der schwere. Keine Verschwörung. Logik. Schalter werden geschlossen, weil “es ja die App gibt”. Wartezeiten am verbleibenden Schalter werden länger, weil weniger Personal da ist. Formulare verschwinden, weil “alle es online machen”.

Wer nicht mitmacht – aus Überzeugung, Misstrauen, Alter, Armut, Erschöpfung – ist nicht altmodisch. Er ist nur leiser entrechtet. Sein Behördengang dauert länger. Sein Termin liegt weiter weg. Seine Auskunft wird zäher. Sein Müll bleibt im Keller. Der Vorteil für die einen entsteht aus dem Nachteil für die anderen. Das steht in keiner Pressemitteilung. Aber so funktioniert es.

Und das schöne daran, aus Sicht derer, die das System bauen: niemand kann sich beschweren. Es war ja freiwillig. Die Frage, die offen bleibt Auf europäischer Ebene kommt die EUDI-Wallet – eine digitale Brieftasche auf dem Smartphone, in der bald Ausweis, Führerschein und Diplome gebündelt sein sollen. Offiziell freiwillig. Banken und Behörden müssen sie aber akzeptieren. Wie freiwillig ist etwas, ohne das man am Schalter nicht weiterkommt? Genau so freiwillig wie der Rest.

Vielleicht läuft alles gut. Vielleicht sind die Daten geschützt, war die Bequemlichkeit den Preis wert, lacht man in zehn Jahren über Leute wie mich. Vielleicht. Ich wette nicht darauf.

Was “1984” mir gegeben hat, ist nicht die Gewissheit, dass wir in Ozeanien leben. Tun wir nicht. Es ist eine kleine, hartnäckige Frage, die ich mir jetzt häufiger stelle, wenn ich etwas anklicke, hochlade oder zustimme: Ist das jetzt freiwillig – oder ist es nur so genannt?

Das Buch ist über siebzig Jahre alt. Die Frage darin ist frischer als die meisten Tweets von gestern.

Auf dem Stapel neben dem Bett liegt schon das nächste Buch: “Farm der Tiere”. Auch Orwell. Dünner, schneller gelesen, angeblich noch eine Spur unbarmherziger. Alle sind gleich, sagen die Tiere zu Beginn. Manche sind dann doch gleicher als andere, sagen sie am Ende. Ich habe das Gefühl, ich werde mir beim Lesen sehr viele Anstreichungen sparen können. Die meisten Stellen markiert die Gegenwart bereits selbst.


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