Hört auf, uns für dumm zu verkaufen

Vordertür zu, Hintertür auf. Die neue „Altersverifikation” schützt keine Kinder – sie identifiziert Erwachsene. Warum WhatsApp-Kanäle, VPNs und Eltern-Wallets das Ganze zur Farce machen. Und warum ich keine Lust mehr habe, so zu tun, als sei das gut gemeint.
Hört auf, uns für dumm zu verkaufen

Ich habe neulich einer Elfjährigen über die Schulter geschaut. WhatsApp offen, ein Kanal, Videos, Bilder, Statusmeldungen, ein kleines Herz drunter. Keine Altersgrenze. Kein Hindernis. Nichts. Und während dieses Kind längst drin ist in genau der Welt, vor der man es angeblich schützen will, tagen in Berlin, Wien und Brüssel Kommissionen und basteln an einer „Altersverifikation”. Man muss es leider so sagen: Das ist nicht naiv. Das ist Theater. In Deutschland will die SPD ein Verbot für unter 14-Jährige. Die CDU auch, seit ihrem Parteitag in Stuttgart. Dazu eine EU-weite Altersverifikation, technisch umgesetzt über die EUDI-Wallet, die Anfang 2027 kommen soll. Man verkauft uns das als Kinderschutz. Ich nehme es nicht ab. Keine Sekunde.

Die Lücke, die sie selbst einbauen

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. In Australien – dem ach so mutigen Vorbild – wurde WhatsApp explizit ausgenommen. Telegram auch. Begründung: Messenger-Dienst. Ernsthaft? WhatsApp hat Kanäle mit Followern. Videos. Bilder. Statusmeldungen, die wie Stories funktionieren. Gruppen mit zehntausenden Mitgliedern. Reaktionen per Emoji, Umfragen, Reichweite ohne Ende. Das einzige, was fehlt, ist der offene Kommentarbereich – und genau das ist ja das, was Algorithmus-getriebene Kanäle heute ohnehin ausmacht: einer sendet, viele schauen zu. Wer das nicht als Social Media erkennt, hat entweder nie reingeschaut oder will es nicht erkennen. Kinder im Grundschulalter folgen Kanälen. Zwölfjährige erstellen eigene. Elfjährige posten Videos. All das findet heute statt, völlig ungeregelt, und die geplante Regulierung wird daran nichts ändern. Der Medienrechtler Stephan Dreyer hat im März 2026 genau darauf hingewiesen, dass Dienste wie WhatsApp und Telegram samt ihrer riesigen Kanäle in Australien vom Verbot unberührt bleiben. Das ist kein Detail. Das ist das ganze Ding. Man schließt also feierlich die Vordertür – und lässt die Hintertür, durch die sowieso schon alle gehen, demonstrativ offen. Und dann nennt man das Kinderschutz. Entschuldigung, aber ich nehme das niemandem ab. Jedes System, das sie bauen, ist in zehn Minuten umgangen Großbritannien hat seit Sommer 2025 eine Altersverifikation. Das Ergebnis? Die Suchanfragen nach VPN-Diensten sind Ende Juli 2025 auf den höchsten Stand seit Januar 2023 geschossen. VPN. Kostet nichts. Installation in zwei Minuten. Standort verschleiert. Fertig. Und das ist nur der Anfang. Das Handy älterer Geschwister. Die EUDI-Wallet der Eltern. Ein geteilter Account. Selbst Marie-Andrée Fischer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften – keine Krawallmacherin, sondern Forscherin – hat nüchtern festgestellt: Ein Elternteil kann die Altersverifikations-App mit den eigenen Daten einrichten und dem Kind die Bestätigung weiterreichen. Ende der Prüfung. Pavel Durov, der Gründer von Telegram, hat im April 2026 öffentlich behauptet, die EU-App sei in zwei Minuten zu knacken. Ob er übertreibt oder nicht – die Richtung stimmt. Die Leute, die das System bauen, wissen das. Die Forscher wissen das. Die Politiker wissen das auch. Trotzdem wird es gebaut. Warum? Weil es nie darum ging, dass es funktioniert. Es geht darum, dass es existiert. Sagen wir es, wie es ist Jede Altersverifikation, die prüfen will, ob jemand unter 14 ist, prüft automatisch auch alle anderen. Jede Oma, jeder Student, jeder Handwerker, jeder, der einen Account anlegt, muss sich ausweisen. Das ist keine Nebenwirkung. Das ist der Punkt. Man baut eine Infrastruktur, die jeden Post, jeden Like, jeden Follower, jeden Kommentar, jede Suchanfrage an eine reale Identität koppelt. 438 Sicherheits- und Datenschutzforscher aus 32 Ländern haben im März 2026 einen offenen Brief veröffentlicht und genau davor gewarnt. Kirsten Bock von der Stiftung Datenschutz hat es gesagt. Epicenter.works aus Österreich sagt es seit Monaten. Die Electronic Frontier Foundation sagt es. Die European Digital Rights Initiative sagt es. Es gibt hier keinen vereinzelten Querulanten – es gibt einen breiten, internationalen Chor von Fachleuten, der warnt, und eine Politik, die es ignoriert. Warum ignoriert sie es? Weil das, was am Ende rauskommt, genau das ist, was viele Regierungen seit Jahren wollen: das Ende der Anonymität im Netz. Ein Internet, in dem jeder Klick an einen Ausweis gekoppelt ist. Ein Überwachungsapparat, den sich kein Politiker je so nennen würde, der aber genau das ist. Und man hat endlich den perfekten Vorwand gefunden, um den Bürgern diese Pille zu verkaufen: die Kinder. Wer ist schon gegen den Schutz der Kinder? Niemand. Genau deswegen wird dieser Vorwand benutzt. Weil er jede Diskussion abwürgt, bevor sie anfängt. Wo die Verantwortung eigentlich liegt Ich bin wütend, weil das Offensichtliche so konsequent ignoriert wird. Kinder werden von Eltern erzogen. Nicht von Plattformen, nicht vom Staat, nicht von einer App, die aussieht wie ein digitales Portemonnaie. Wenn ein Kind mit zehn ein Smartphone in der Hand hält und acht Stunden am Tag scrollt, dann ist das kein Problem, das der Staat lösen kann. Und der Staat sollte es auch nicht lösen dürfen. Das ist Elternsache. Punkt. Medienbildung in Schulen? Ja, bitte, dringend. Werkzeuge auf dem Gerät selbst, ohne dass die halbe Bevölkerung ihren Personalausweis abfotografieren muss? Gibt es längst. Echte Durchsetzung der bestehenden Regeln, statt neue Überwachungstechnik? Machbar. Nichts davon passiert. Stattdessen bekommen wir die EUDI-Wallet. Ich mache da nicht mit Das hier ist kein Kinderschutz. Das hier ist eine Infrastruktur zur digitalen Ausweiskontrolle, der ein hübsches Etikett umgehängt wurde. Und das Bitterste daran: Den Kindern wird es nicht einmal helfen. Sie sind längst drin – auf WhatsApp, über VPN, über das Handy der älteren Schwester, über den Account der Eltern. Was übrig bleibt, wenn man die ganze Aufregung wegräumt, ist nichts, was Kinder schützt. Was übrig bleibt, ist ein System, das Erwachsene zählt, kennt, identifiziert. Ich habe keine Lust, dabei mitzuspielen. Und ich habe auch keine Lust mehr, so zu tun, als sei das alles nur gut gemeint und schlecht gemacht. Es ist nicht schlecht gemacht. Es ist sehr präzise gemacht – nur eben nicht für die Kinder. Man sollte das wenigstens ehrlich dazusagen.


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